Visuelle Repräsentation, materielle Kultur, Sammlung, Ausstellung, Museum. Alle Studierenden aus dem BA Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft in Marburg sind bis zu ihrem Studienabschluss mindestens einmal mit diesen Begriffen theoretisch und nicht selten auch mit „echten“ musealen Artefakten in Berührung gekommen.
Wer aber bringt Objekte ins Museum? Wer hat sie einst gespendet, verkauft, geschenkt, verliehen und nie zurückgefordert, vergessen oder wollte sich ihrer entledigen? Wer waren und sind die Menschen, die bestimmte Dinge anderen vorziehen und ihnen eine besondere Behandlung angedeihen lassen, indem sie ihnen einen exklusiven Platz in einer Sammlung oder einem Museum verschaffen? Warum sammeln Menschen Gegenstände, ordnen sie, putzen und pflegen sie, recherchieren über sie und bauen ihnen Behausungen wie Regale, Vitrinen, Rahmen?
Mit diesen und vielen weiteren Fragen befasste sich das Lehrforschungsprojekt „Sammeln, Forschen, Entdecken. Marburger Sammlerinnen und Sammler im Blickpunkt“. Ein Jahr lang nahmen Studierende des BA-Studiengangs Vergleichende Kultur- und Religionswissenschaft unterschiedliche Sammlerinnen und Sammler aus dem Marburger Raum in den Blick, entdeckten deren Sammlungen und machten sie zum Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses. Ein Jahr lang durchliefen die Studierenden den Verstehensprozess von der ersten Faszination und Irritation über eine profunde Ahnung hin zu einem tieferen Verständnis dessen, welche kulturelle oder religiöse Identität Menschen an Sammlungen knüpfen, welche historischen, politischen oder ökonomischen Wertvorstellungen durch den Besitz von Sammlungen sichtbar werden - kurz wie sinnstiftend Sammlungen von Dingen für Menschen sein können.
Auf den folgenden Seiten können Sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ihren Wegen zu Menschen und Dingen begleiten, erhalten Einblicke in die Ergebnisse und erfahren mehr darüber, warum Menschen was sammeln und dass dieses Sammeln Ausdruck von kulturellem und religiösem Handeln ist.



Wer ist es, der oder die da sammelt?
 
Sammeln als eine Form der Aneignung der Welt ist eine dem Menschen vertraute Handlungsweise. Wir alle haben in der Kindheit Gegenstände gesammelt und sie danach anderen Prozeduren wie denen des Anmalens, Ausschneidens, Zerlegens Wässerns. Verbrennens etc. unterzogen, um uns das Universum der Gegenstände zu erschließen.
Doch warum sammeln Menschen im Erwachsenenalter Dinge, wählen sie aus einer Vielzahl von Möglichkeiten aus und befördern sie aus dem Zustand der Funktionalität in ein Stadium der Wertschätzung. „Es ist die tiefste Bezauberung des Sammlers, das einzelne [Objekt] in einen Bannkreis einzuschließen, in dem es, während der letzte Schauer - der Schauer des Erworbenwerdens - darüber hinläuft, erstarrt.“ So beschreibt Walter Benjamin 1931 den Beweggrund des Sammlers, sich Objekte einzuverleiben und sie in den Zustand höchster Wertschätzung zu überführen. Wert, gezeigt zu werden jenseits aller Brauchbarkeit, regelrecht konträr gegenüber dem eigentlichen Nutzen, den ein jedes Objekt für seinen Besitzer haben mochte.
 
Sammlerinnen und Sammler, das wird diese Webseite anschaulich illustrieren, sind Menschen mit einer großen Vorstellungskraft für die Macht an Imaginationen, die Gegenstände wecken können. Daher bewundern sie dieselben und lieben sie so sehr, dass sie ihnen in Sammlungen Exklusivität verleihen. So ist jede Sammlung ein Spiegelbild derer, die sie geschaffen haben, gleich ob diese im Verborgenen nur den Sammlerinnen und Sammlern entzückte Schauer bereitet oder einer illustren oder gar breiten Öffentlichkeit zu Teil wird.